Kurz vorab: Hierbei geht es nicht um meine persönliche Meinung (zumindest nicht vorrangig) sondern um den Versuch einer Analyse der Situation mit Empfehlungen für die Langzeitstrategie bis 2017. Alle Punkte können gern debattiert und ergänzt werden, ich erhebe natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Für die Verwendung von Gendersternchen entschuldige ich mich genau so wenig wie für weggelassene Gendersternchen *dealwithit.gif*

Politik als Effizienzspiel

Die Piraten haben seit 2011 in immer mehr offiziellen Funktionen eine Stimme und in immer mehr Regionen werden von Piraten großartige und teilweise durchaus öffentlichkeitswirksame Aktionen durchgezogen. Problematisch aus einem PR-Aspekt ist daran das für überregionale Wahlen (und selbst für regionale und kommunale Wahlen!) hauptsächlich der Eindruck der Bundespartei und evtl. des Landesverbandes zählt und geniale und aufwändige Aktionen die lokal stattgefunden haben schnell aus dem Gedächtnis verschwinden. Die großen Einflussnehmer heute sind nicht mehr Lokalblätter und Radio sondern primär TV und Onlinemedien. Beide funktionieren nicht lokal und transportieren daher die Wirkung nicht. Des weiteren spielt in das Effizienzproblem das lokale Aktionen vor allem die Wähler*innen erreichen die sich auf Medien wie Lokalzeitung und Radio verlassen. Diese gehören jedoch nicht in die Zielgruppe der Piraten und die transportierte Botschaft verläuft im Sande.

Des weiteren leidet Effizienz an Selbstbeschäftigung (alles zerreden, Beschlüsse ignorieren etc.) Dazu wurde schon so viel geschrieben das ich darauf aus Effizienzgründen verzichte.

[TL;DR: Wir sind zu wenig effizient da die gute politische Arbeit unkoordiniert und ungezielt vermittelt wird]

Zielgruppenspezifizität

Den größten Fehler den Parteien machen können ist, sich keine Zielgruppe zu suchen oder sich um die Falsche zu bemühen. Die Grünen haben zurzeit einen beachtlichen Erfolg weil sie aufgehört haben sich um die sozial Schwachen zu bemühen und jetzt im ehemaligen FDP-Milieu siedeln. Die SPD versagt zunehmends dabei das größte Milieu [1], die bürgerliche Mitte gegen die CDU zu erobern die sich von rechts/oben ins gleiche Milieu drängt (Ein Prozess der fast abgeschlossen ist und dem wir die AfD zu verdanken haben).

Die Piraten sind zu Beginn eine Partei des expeditiven und hedonistischen Milieus gewesen. Die massive Öffnung der Partei und die Mitgliederschwemme (die mich auch reingeschwemmt hat ;)) haben das Zielgruppenbild der Partei verschleiert und dafür gesorgt das die Bevölkerung nicht länger wusste was genau von den Piraten zu erwarten ist, und was für Menschen diese Partei ausmachen. Letzteres wurde durch den Punkt der inneren Zerstrittenheit und durch “Themen statt Köpfe” möglicherweise verschlimmert.

Was aber ist unsere Zielgruppe? Wie sollte der typische Piratenwähler aussehen? Der Versuch einer Antwort:[2]

Alter: 30 Jahre. Natürlich bemühen sich alle Parteien um Erstwähler*innen allerdings liegt fast nirgends das Potential so hoch für eine Netzpartei wie bei diesen.

Geschlecht: Männlich. Ja das wird möglicherweise Haue geben und ich bitte DRINGEND darum zu differenzieren: Werbung für Männer machen heisst nicht Politik für Männer/gegen Frauen und sonstige zu machen! Männer als Zielgruppe hat NICHTS damit zu tun das nur Männer die Piraten toll finden können. Es bedeutet NUR das ich der Meinung bin das Werbung bei Männern für die Piratenpartei derzeit effizienter wäre da zum Beispiel CDU (Der “Mutti”-Effekt) und Grüne schon sehr stark überproportional gewählt werden und das Gegenteil dieser Phänomene (gerade bei Erstwählern) die Partei stark nach vorne bringen könnte. [3]

Soziale Stellung: Hier wirds knifflig und es wäre vermessen und ungeschickt sich hier festzulegen ohne den Leitsatz für die nächsten Wahlen zu kennen. Grundsätzlich eher in den moderneren Milieus und eher Mittel bis Unterschicht.

Ort: Meiner Meinung nach sehr wichtig für die Definition von Wählerpotentialen ist der Wohnort. Die Piraten als urbane Partei die sich auf die Anwesenheit von Multiplikator*innen aus neuen Berufen mehr oder weniger verlassen muss sollten sich auf städtische Regionen, Regionen im Wandel/Aufbau verlassen. Sobald sich dadurch Wahlerfolge einstellen (sollten) wird der oben genannte Flächeneffekt und die neue Wahrnehmbarkeit auch auf ländliche Regionen wirken. Vielleicht.

Zum Thema der Zielgruppe möchte ich noch einen unserer schwersten Fehler kurz behandeln. Nein es ist kein einzelnes Gate und nicht die Verfehlung einer Person(engruppe). Wichtigstes Instrument für die Etablierung einer starken Erstwähler*innenbasis ist die Jugendorganisation einer Partei. Kein erwachsener Pirat hat die Möglichkeit regelmäßig mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen über Politik zu sprechen! Dafür sind Jugendorganisationen da und ihre Bedeutung sieht man an den Wahlkämpfen der Vergangenheit wo vor allem die Jusos großartiges leisten (Merkel musste sich für ihr teAM ordentlich reinhängen um einen vergleichbaren Effekt zu erreichen!). Natürlich sind Jugendorganisationen nervig, und das sollen sie auch sein denn sie sind nicht nur Sprachrohr der Partei in ihre Generation sondern auch Sprachrohr ihrer Generation in der Partei! Letzten Endes wurden die Jungen Pirat(*innen) stiefmütterlich behandelt und damit gigantisches Wahlpotential mal eben den Gulli runtergedrückt. Ich denke wir sollten uns bemühen wieder zusammen zu wachsen und den Jungen Piraten den Platz geben den sie verdienen.

[TL;DR: Keine Zielgruppenorientierung -> Keine Wähler*innen Keine JuPis -> Keine Erstwähler*innen]

Professionelles Image

Hierzu nur kurz ein paar Sätze da das meiste gesagt wurde. Eine Partei braucht keinen Mindeststandard an Professionalität und es gibt kein universelles “Zuviel” daran. Alles hängt mit der Zielgruppe zusammen und muss dementsprechend angepasst werden. Wenn wir “Mutti” die Renter*innen wegschnappen wollen dann sollten wir natürlich auch rüberkommen wie die Kaffefahrtverteter. Wenn wir eine junge innovative Partei sein wollen dann ist ein professionell geführtes Ehrenamt mit viel Spielraum für Ideen der Mitglieder wohl ideal.

Was jedoch professionell gemacht werden muss ist interne Kommunikation, Kampagnenmanagement und PR. Das allein aufgrund der Größe der Partei inzwischen auch professionelle Organisator*innen nötig sein könnten um Verwaltung und Finanzen am laufen zu halten versteht sich von selbst.

[TL;DR: Ohne professionelle Strategieplanung und Umsetzung nix Erfolg. Es ist nicht nötig 140% Seriöslichkeit zu erreichen]

Demokratische Prinzipien

In diesem Punkt gibt es diverse Probleme. Erstens die Abwesenheit eines Delegiertensystems führt zu einer geringen Akzeptanz von Beschlüssen (“Wenn von meiner Filterblase mehr hätten hinfahren können wäre das ja anders gekommen”,”Das waren der Berliner Klüngelkreis, die faschistischen Hessen oder die genderverwirrten Sachsen”). Das wiederum führt zu einem uneinheitlichen Bild ohne Leitsatz oder roten Faden was erwiesenermaßen und erfahrungsgemäß der sofortige Tod jeder Kampagne ist. Kleine Erläuterung: Streiten und um Positionen ringen ist in Ordnung solange nicht in wichtigen Momenten versucht wird die Leitlinie der Partei in Frage zu stellen. Das verunsichert selbst Stammwähler*innen!

Das Zweite Problem ist das falsch verstandene Bild von Vorständen. Da Vorstände nicht politisch arbeiten durften (das wandelt sich glücklicherweise derzeit) waren Vorstandsämter lange nicht klar definiert und ein Posten dessen Kompetenzen nicht klar definiert sind verstrickt sich in Konflikte, Intrigen und Widersprüche. Es braucht Köpfe und sobald diese Köpfe demokratisch legitimiert sind und solange sie unseren Prinzipien nicht zuwiderhandeln sollte ihnen eine gewisse Führungsrolle zugebilligt werden um das gemeinsame Verfolgen einer “roten Linie” sicherzustellen.

[TL;DR: Gemeinsam arbeiten, Beschlüsse akzeptieren und Vorständen Führungskompetenzen zubilligen]

Natürlich gibt es noch einige weitere Punkte und ich möchte nicht in Abrede stellen das auch Einzelpersonen der Partei geschadet haben. Das alles aufrollen ist aber nicht hilfreich für die Zukunft und sollte uns nicht auf Ewigkeiten hinaus beschäftigen.

Ich freue mich auf euer Feedback und über Verbreitung. Ich versuche mit dieser kleinen Ausführung dabei zu helfen eine strategische Planung für die Zukunft der Partei anzustossen und zu unterstützen. Wenn ihr einen der Bereiche für besonders wichtig haltet teilt es mir mit und ich werde möglicherweise ausführlicher darüber schreiben.

Bis denn dann und viele Grüße,

Benjamin

[1] http://www.sinus-institut.de/loesungen/sinus-milieus.html

Anmerkung: Natürlich sind die Sinus Milieus nicht frei von Kritik und als absolute Weisheit anzusehen. Sie bieten aber eine gute Grundlage für Wahlforschung und Strategieplanung

[2] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-2013-waehlerwanderung-gewinne-verluste-direktmandate-a-923290.html

Ich benutze den Spiegel als klickbare Quelle. Die tatsächliche Aufschlüsselung habe ich gedruckt aus der Uni und online nicht gefunden.

[3] Nochmal der Disclaimer: MIR ist Gleichstellung von Mann Frau und allen anderen Geschlechtern und Geschlechtsbildern wichtig und das ist auch zu Recht Position unserer Partei. Leider kann es sich eine Partei trotzdem kaum leisten Marketingtechnische Realitäten zu ignorieren.

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